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Jan Reichow > Startseite > Texte > für das Radio > Musikpassagen 5. August 2005 - Der Rhythmus und die Kathedrale

WDR 3 10.August 2005 Mittwoch 15:05-17:00
Musikpassagen
mit Jan Reichow
Der Rhythmus und die Kathedrale
Von der Addition raumgreifender Schritte in der Musik und in der Baukunst,
von Teufelsfratzen und göttlichen Visionen,
von den vertrackten Rhythmen des Balkan und vierzigstimmigen Himmelschören ...

Am Mikrofon begrüßt Sie J.R.; meine Damen und Herren, Sie könnten meinen, dass unser heutiges Thema "Der Rhythmus und die Kathedrale" mit dem bevorstehenden Besuch das Papstes in Köln zu tun habe.
Aber ich schwöre: daran habe ich nicht gedacht, denn das, was dem Papst und der gläubigen Jugend hier am Dom geboten werden soll, beschäftigt uns alle, auch Ungläubige, auf eine weniger spektakuläre Weise schon lange, und ich erlebe es fast jeden Morgen, wenn ich über den Bahnsteig von Gleis 1 den Kölner Hauptbahnhof verlasse, als erstes auf das Chorschiff des Domes schaue und gewissermaßen zu wachsen beginne, dann den Blick seitlich wende, um den Fortschritt der Treppenanlagen zu begutachten, die vom Bahnhofsvorplatz zum Dom hinaufführen und fortschreitend einen grandiosen Eindruck machen: das ist eine unerhörte steinerne Musik, römisch-....antik.
Vielleicht nur noch zu übertreffen von dem Anblick, der sich einem auftut, wenn man abends vom Rheinufer hinter der Philharmonie die rot gepflasterten Stufen hinaufsteigt, über denen sich die Rückseite des Domes auftürmt, das goldene Kreuz funkelt rötlich in der Abendsonne, - aber christlich ist das nicht unbedingt: das Schreiten und Hinaufsteigen ist ein Hochgebirgserlebnis, da ernüchtert nicht einmal der fortwährend rauschende Lärm der Züge auf der Hohenzollern-Brücke.
Merkwürdigerweise stellt sich aber auch immer ein Innenraum-Erlebnis ein, obwohl ich den Dom gar nicht so häufig betrete. Ich glaube ihn doch zugleich von innen zu erleben.
Während ich mich kaum an die Innenräume der Tempel erinnere, die ich z.B. in Südindien gesehen habe; eingeprägt haben sich gewaltige Außenanlagen, Wände aus Leibern und Figuren. Und vielleicht Klänge, - aber solche, die durchaus nicht zur Meditation einladen.
Lassen Sie uns mit einer Antithese beginnen: Heilige Musik hier und dort. "In medio ecclesiae..."

1) Morales Mass Tr. 5 Introitus "In medio ecclesiae..." 3:12
2) Hindu-Tempelmusik Sri Lanka CD Tr. 2 ab 11:35 bis (weg:) 14:52= 3'

Kennen Sie Stefan Lochners Altarbild vom Jüngsten Gericht?
Es hängt - tut mir leid, liebe Düsseldorfer - auch in Köln, im Wallraf-Richartz-Museum, - wenn Sie vom Bahnhof Gleis 1 kommend, am Römisch-Germanischen Museum vorbeigehen, die Treppe runter, an der kurzen alten Römerstraße vorüber, vielleicht mit einem kleinen Umweg zu St. Martin, der herrlichen Romanischen Kirche, dann über Alter Markt Richtung Rathaus, Richtung Gürzenich, und vor Ihnen liegt das lichte schöne Museum.
Es lohnt sich, gut informiert vor das Lochner-Bild zu treten: was waren das für Menschen damals, wie kann man aus diesem Bild ein Weltbild ablesen? Uns interessiert die Musik, und es ist ganz klar, wo Musikanten mit solchen Instrumenten wie denen, die man im Hindu-Tempel hört, anzusiedeln wären: in der Hölle. Gleich neben dem offenen Feuer, vor dem rauchenden Gebäude im Hintergrund, genau da empfangen uns die Teufel, einer reckt den abstürzenden Sündern die Forke entgegen, zwei andere spielen offensichtlich furchterregende Musik, der eine mit Blasinstrument, der andere die Trommel schlagend.
Keine Chance für uns Heutige, den Schrecken einer solchen Musik nachzuvollziehen. Sie ist garantiert hinreißend und verführerisch.

3) Ivo Papasov "Fairground" Kuker Music KM/R07 SN 990614KA MK1461/2003 4:04


"Fairground" heißt dieses bulgarische Stück mit Ivo Papasov und Band, Festplatz, Tanzboden, auch "Rummelplatz". Man sollte nicht sagen, dass die Kirche den Rummelplatz oder die Kirmes toleriert hat; sie hat ja auch den Karneval nicht erfunden, den Aschermittwoch dagegen konnte sie sehr gut gebrauchen. Sündenbewusstsein! Reue! Alles was in den Schoss der Kirche, in ihre Obhut, ihren Machtbereich, zurücktreibt.
Andererseits - machen wir es uns nicht zu leicht! - schauen Sie einmal auf die Kathedralen: sie sehen nicht aus wie Zwingburgen, sie mögen auch Ausdruck von Macht sein, aber vor allem sind sie ein Ausdruck der Grenze dessen, was Menschen vermögen. Damals waren sie noch viel mehr. Die Gebäude waren auch Erkenntnismittel. Anschaulichste Philosophie. (Wie sagt man heute im Manager-Deutsch? Man konnte sich darin "verorten".)
Das Standardwerk über "Die gotische Kathedrale" von Otto von Simson kann man gar nicht genug loben: es ist nicht nur von Irrtümern frei - im Gegensatz zu Hans Sedlmayrs Buch gleicher Thematik -, es ist ebenso präzise wie glänzend geschrieben. Und vom ersten Satz an zieht es einen mit sachlicher Gewalt in die schönsten ästhetischen Probleme.
Sie wissen, was Gotik ausmacht? Spitzbögen, Strebepfeiler, Kreuzrippengewölbe? --- Nein, sagt von Simson, das sind nur konstruktive Mittel, die es auch schon vorher gab.
Also dann... vielleicht das Aufstreben zur Höhe, die Steilheit der Proportionen? Nein, sagt von Simson, "wer einmal in der Ruine der großen Klosterkirche von Cluny - dieser Hochburg des romanischen Stils - gestanden hat, wird sich bewusst, dass der hier gewonnene Eindruck unendlicher Höhe gerade das ist, worauf die gotischen Meister, zumindest während des ersten Jahrhunderts, absichtlich verzichteten.
Zwei Wesensmerkmale der gotischen Architektur, so von Simson, haben jedoch weder Vorläufer noch Parallelen."
Was meinen Sie? War es - die Akustik? Hören Sie den Raum?

4) 5055 249 Tr. 1 Breves dies hominis Paris 1200 - Notre Dame Lionheart (New York) 2:40


Paris 1200 - Notre Dame. Von der Akustik war damals nicht die Rede, von der Musik allerdings, und es verstand sich von selbst, dass sie den ganzen Raum bis in den letzten Winkel erfasste.
Aber zwei andere Wesensmerkmale der gotischen Architektur waren es, die weder Vorläufer noch Parallelen hatten, sagt Otto von Simson: "die Berücksichtigung des Lichts und das Verhältnis von tektonischer Struktur und Erscheinung." (S.13)
"In einer romanischen Kirche ist das Licht etwas, das sich gänzlich von der schweren, düsteren Masse der Wände unterscheidet. Die gotische Wand scheint dagegen durchlässig zu sein. Licht sickert ein und durchdringt sie, vereinigt sich mit ihr, verklärt sie. Dabei sind gotische Innenräume nicht einmal besonders hell (obgleich im allgemeinen lichter als ihre romanischen Vorgänger); die bunten Glasfenster waren sogar als Lichtquellen so ungenügend, dass ein späteres Zeitalter viele von ihnen gegen Grisaillen oder gewöhnliche Glasscheiben ausgetauscht hat, die heute einen völlig falschen Eindruck vermitteln. Die farbigen Glasfenster der Gotik ersetzen die bunt bemalten Wände der romanischen Architektur, sie sind strukturell und ästhetisch nicht etwa geöffnete Wandflächen zum Einlassen von Licht, sondern durchleuchtete Wände. Wie das gotische Höhenstreben die Wirkung der Schwerkraft umzukehren scheint, so verneint, in einem ähnlichen ästhetischen Paradoxon, das farbige Glasfenster die undurchdringliche Natur des Stoffes; es erhält sein sichtbares Dasein von einer Kraftquelle, die es 'transzendiert'.
Das Licht, gewöhnlich durch die stoffliche Substanz verborgen, erscheint hier als das aktive Prinzip der künstlerischen Gestalt; die ästhetische Wirklichkeit der Materie erscheint nur insofern, als sie an der Leuchtkraft des Lichtes teilhat und durch sie bestimmt wird." (S.14)
Soweit Otto von Simson.
Und wie ergeht es dem Volk, das sich jahrhundertelang ziellos durch die Finsternis windet?

5) Händel: Messias I Tr.11 "The people that walked in darkness..." ca. 2:00
"Das Volk, das da wandelt im Dunkel, es sieht ein großes Licht." (bis A-dur-Kadenz)
(nicht mehr: "Und die da wohnen im Schatten des Todes...."


"Das Volk, das da wandelt im Dunkel, es sieht ein großes Licht." So heißt es in Händels "Messias".
Diese Licht-Metaphysik geht auf das Johannes-Evangelium zurück, Kapitel 1, Vers 4 und 5: "In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht begriffen."
Die Gotik wollte es endlich begreifen.
Aber uns fehlt noch das zweite Merkmal.
Es ist das neue Verhältnis zwischen Funktion und Form, Struktur und Erscheinung.
In der romanischen oder byzantinischen Architektur ist die Struktur nur Mittel, unsichtbarer Träger der künstlerischen Erscheinung: Wandgemälde, Mosaiken, Stuckaturen verbergen oder verwandeln die tektonische Struktur vor unseren Blicken.
Wenn ein frühmittelalterlicher Schriftsteller eine Kirche beschreibt, spricht er gewöhnlich ausführlich von den Malereien und übergeht die Architektur. In der Tat war das ganze Gebäude oft nur ein Gerüst für die Zurschaustellung großer Wandgemälde oder Mosaiken. (...)
Das Gegenteil trifft für die gotische Architektur zu.
Hier ist der Schmuck ganz dem System untergeordnet, das von den Gewölberippen und Stützen gebildet wird; der ästhetische Eindruck wird von diesen bestimmt." (S.15 f)
Aber man geht darüber hinaus, die Form der Funktion unterzuordnen: Man vermeidet, "die tatsächliche Stärke der Wand, das Volumen der Pfeiler zu zeigen; wo sie zum Vorschein kommen könnten, etwa in den Öffnungen der Emporenarkaden, da schaffen Tympana und Säulchen oder Dienstbündel, die in diese Öffnungen gestellt werden, den Eindruck einer membranhaft dünnen Oberfläche, nicht den einer Mauer." (S.19)
"Und dennoch empfinden wir beim Betreten eines gotischen Kirchenraumes, dass jedes sichtbare Glied des großen Systems eine tektonische Aufgabe erfüllt. Es gibt keine Wände, sondern nur Stützen; die Masse und das Gewicht des Gewölbes scheinen sich in das sehnige Netzwerk der Rippen zusammengezogen zu haben. Die Trägheit der Materie ist unsichtbar, nur aktive Kraft scheint am Werke. Trotzdem ist dieser Ordo von Kräften nicht nackte Zurschaustellung tektonischer Funktionen, sondern ihre Übersetzung in ein graphisches System. Die ästhetischen Werte der gotischen Architektur sind in einem überraschenden Ausmaß lineare Werte. Volumen wird zu Linien reduziert, zu Linien, die als geometrische Figuren in Erscheinung treten." (S. 19)
Meine Damen und Herrn, es ist schwer, die faszinierende Lektüre dieses Buches von Otto von Simson zu unterbrechen, aber geht es Ihnen nicht auch so, dass Sie bei solchen Worten an Musik denken? Nicht unbedingt "gotische" Musik.
Linienspiel. Aufhebung der Erdenschwere.
Das ist für mich z.B. südindische Musik. Trotz ihrer materiellen "Verortung" durch die Trommel. Für andere vielleicht die Ars subtilis um 1400, - trotz ihrer kirchenfernen Esoterik:


6) Ars Subtilis Ytalica Mag. Zacharias: Sumite karissimi Tr.7 ab 6:08 bis 7:58= 1:50
7) 5115 798 2 Tr. 6 Chinnanchiru Lalgudi Krishnan etc. Brotfabrik 6:06


Aufhebung der Erdenschwere durch den Tanz oder sagen wir: durch einen swingenden Rhythmus - ausgeschlossen im Bannkreis der Kathedralen!
Es ist eine Seltenheit, in der frühen Kirchenmusik auch nur einem Dreier-Takt zu begegnen, der Tanz-Charakter hätte, all den halbfrommen Pilgertänzen da draußen zum Trotz.
Der Dreier-Takt, den Sie kaum erkennen werden, ist vielleicht einem einzigen Sehnsuchtswort entsprossen:
Jee- ruu- sa- leem, Jee- ruu- sa- leem.

8) 5011 228 Brumel: Lamentations Tr. 6 ab 6:56 bis 9:03 2:07 "Jérusalem, Jérusalem, tourne-toi vers le Seigneur, ton Dieu."


Antoine Brumel, dessen Laufbahn an den Kathedralen von Chartres und Laon begann und 1498 nach Notre Dame in Paris führte, später nach Genf, Chambéry und Rom, schließlich aber für die letzten 15 Jahre nach Ferrara.
Ich sprach von der Aufhebung der Erdenschwere durch den Tanz, zugleich von der materiellen Verortung durch die Trommel.
Meinen Sie vielleicht , dass auch die Entdeckung der Bass-Region in der abendländischen Musik, Folge der harmonisch-vertikalen Erweiterung und Entfaltung, eine ähnliche Funktion hatte, nachdem jegliches Getrommel an den Teufel delegiert war?
Andererseits kaum denkbar, dass die bis ins Mark erschütternden Klänge der alten Posaunen zu unserer Erdung gedacht sind; eher als Vorboten eines Erdbebens der reinen Machtfülle:
1595 Der Doge von Venedig ist gekrönt!

9) 5009 310 Venetian Coronation 1595 G.Gabrieli Tr.29 Motet ab 3:06 bis 4:17=1:11


Um auf ein menschliches Maß zu kommen, müssen wir uns aufs Land begeben, das sich über Jahrhunderte als resistent gegenüber heiligmäßigen kirchlichen Forderungen erwies.
Obwohl selbst im lebensfrohen Ungarn die eifernden Worte der Prediger umgingen:
"Ihr tanzlustigen Ungarn tanztet und spranget, bis ihr die Ehre des Landes, wehe, verloren habt!... Der feurige Zorn Gottes trifft uns auch heutzutage, weil der Tanz, dieses abscheuliche und sündhafte Vergehen, uns beherrschte und bis zum heutigen Tage beherrscht." (Der Prediger Mihály Gyulai 1681, zit, nach Sarósi S. 62)
Da war das Mittelalter längst vorbei! Das war 1681!
Über den Geiger István Hatházi wird 1719 folgende Sentenz ausgesprochen:
"Da er entgegen dem Verbot geigte und andere zum Bösen anregte, soll er aus der Stadt unter Schlägen vertrieben werden. Seine Geige soll mit einer Schaufel über seinem Steiß zerschlagen werden. Er soll nie mehr derartiges begehen." (zit. nach Tatáts 1926 bei Sarósi S. 63)
Und so geht es bis ins 19. und 20. Jahrhundert, nur die Zigeuner geigten unverdrossen weiter, sie standen eh schon außerhalb der Gesellschaft.

10) Taraf Hodac 23.05.79 Nr. 66 Batuta Lui Craciun (mit Strigaturi) 2:38


Oft genug waren diese Strigaturi, die Rufe der tanzenden jungen Leute oder der Musiker, die Zurufe an die Tänzer und Tänzerinnen anzüglichen Charakters, und schon jeder Flöte war anzuhören, dass die Reinheit der Tonkunst sie einen Dreck scherte.
Dieser Tanz aus Ost-Serbien heißt Cekic - "Der Hammer", und da kann von Aufhebung der Erdenschwere nun wirklich nicht mehr die Rede sein. Diese Menschen haben mit der Erde zu tun, wenn sie arbeiten, säen, ernten und überhaupt, wenn sie sich darauf bewegen.

11) Ost-Serbien Popóvica 29.05.79 Nr. 23 "Cekic" 1:14


"Immer wieder", so schreibt Reinhold Hammerstein in seinem Standardwerk über "Diabolus in Musica", "immer wieder tönt es aus der Literatur, dass der Tanz ein Werk des Teufels sei, von ihm eigens dazu erfunden, um die Menschen zu verwirren und zu Sünde, Tod und Verdammnis zu führen.
Diese Verteufelung des Tanzes ist ebenso alt wie die Verteufelung der Musikinstrumente, und sie geht wie diese bereits auf die Kirchenväter zurück:
'Wo Tanz ist, da ist der Teufel', sagt Johannes Chrysostomus.
Ephrem der Syrer want: 'Wo Kitharaspiel und Tänze und Händegeklatsch stattfinden, dort ist die Trauer der Engel und ein Fest des Teufels.... Singe nicht heute Psalmen mit den Engeln, um morgen wieder mit den Dämonen zu tanzen.' (....)
Die mittelalterliche Kirche übernimmt solche Wertungen und baut sie besonders in der Predigtliteratur immer weiter aus. Vielen gilt der Teufel geradezu als Erfinder des Tanzes." (Hammerstein a.a.O. S. 45 f)
"Hierhin gehört zweifellos die Formulierung, der Tanz sei ein Kreis, dessen Mittelpunkt der Teufel ist, die sich um 1200 bei Jacques de Vitry findet."
Ebenso die Vorstellung: "Je höher einer beim Tanze springt, desto tiefer wird sein Fall in die Hölle sein." (Hammerstein a.a.O. S.47)

12) Ost-Serbien Popóvica 29.05.79
Nr. 28 "Cekic" (1 Flöte) 0:38
Nr. 30 "Trupavica" 1'00


Cuskovac - die Maus heißt der folgende Tanz, die Tanzschritte gehen mit der Melodie vor und zurück, wie die Maus aus ihrem Loche und wieder hinein, - und das erwähnt man mit Augenzwinkern, der obszöne Hintergedanke liegt offen, - die Erde und das Fleisch, - nicht nur der Geist ist willig ... und schwach ist niemand.


13) Ost-Serbien Popóvica 29.05.79 Nr. 28 "Cuskovac" 0:31


Damals, 1979, sozusagen am Ende der Welt: Ost-Serbien, unweit der rumänischen Grenze. Kaum jemand fuhr freiwillig in dieses rückständige ländliche Gebiet. Ein Glück für die Dokumentation der alten Stile und Bräuche, die heute sicherlich verschwunden sind.
Nehmen wir einen Anlauf: was hat es mit diesen anderen Tanz-Takten auf sich, die uns dort immer wieder begegnen und uns so natürlich scheinen, obwohl wir sie kaum begreifen? Was heißt "begreifen"? Wir können sie nicht ohne weiteres tanzen, d.h. nicht mit den Füßen oder dem Körper "ab-greifen".
Weil wir kaum etwas anderes kennen als den Vierertakt. Und halten ihn für "Natur" - links, rechts, links, rechts - fertig ist der Vierertakt. "Homo quadratus". (Umberto Eco S. 58)
Allerdings hat unsere Kunstmusik, deren Mehrstimmigkeit auf diese einfache vertikale Ordnung angewiesen war, 1000 Wege gefunden, diese Simplizität zu differenzieren, viele unterschiedliche Notenwerte über diese Viererkästchen zu verteilen: aber eben "verteilt", divisiv.
Man spricht von divisiver Rhythmik.
Und was ist additive Rhythmik?
Im Grunde haben wir im Westen gar keinen Begriffsapparat dafür. Es hängt letztlich mit den altgriechischen Versfüßen zusammen, "Fuß" bedeutet auch "Schritt", die Versfüße, die rhythmischen Silbenfolge wurde auch getanzt! Und die "Urzellen" aller dieser Versfüße sind die Zählwerte 2 und 3. Ende der Theorie! Diese beiden Basiformeln kann man in unterschiedlichster Weise addieren, das ist das Prinzip der additiven Rhythmik, das möglicherweise aus der altgriechischen Rhythmuslehre der Versfüße in die Musik gewandert ist und dort in bestimmten, sehr großen Arealen überlebt hat. Hören Sie die schöne Alternative zum Vierertakt: den Fünfer, der sich aus 2 + 3 oder aus 3 + 2 zusammensetzt. Eins zwei / eins zwei drei / Eins zwei / eins zwei drei...

14) Max Hendler Sammlung Tr. 1 "Köroglu" (Türkei) ca. 1:00


Oder in der folgenden Kombination: Eins zwei drei / eins zwei / Eins zwei drei / eins zwei...

15) Max Hendler Sammlung Tr. 2 "Erdh pranvera..." (Kosovo) ca. 1:00


Oder nehmen Sie den Siebener, - zusammengesetzt aus 2 plus 2 plus 3: Eins zwei / eins zwei / Eins zwei drei / Eins zwei / eins zwei / Eins zwei drei...

16) Max Hendler Sammlung Tr. 6 "Tsone milo chedo" (Bulgarien) ca. 1:00


Oder zusammengesetzt aus 3 plus 2 plus 2: Eins zwei drei / Eins zwei / eins zwei... Das ist z.B. der griechische Kalamatianos-Tanz: aber Sie merken sicher auch, dass sich da in der konkreten Praxis noch ein rhythmisches Spuren-Element einmischen kann:
wenn Sie die 2 plus 2 betrachten, die nicht nur vierermäßig zusammengefasst sind, sondern auch noch eine winzige Stockung eingebaut haben. ooo / oo oo // ooo / oo oo //

17) Max Hendler Sammlung Tr. 8 "Kalamatianos"(Griechenland) ca. 1:30


Das additive Denken ist übrigens keine reine Balkangeschichte, Sie finden es in Asien, bei den Aborigines in Australien oder sogar in der Bretagne, wo auch ein Achter nicht unbedingt ein doppelter Vierer ist, sondern sich addiert aus 3 plus 3 plus 2 d.h. ooo / ooo / oo // ooo / ooo / oo // o
Und so etwas nennt sich Marsch! "Marche des reines de Cornouaille".

18) Max Hendler Sammlung Tr. 13 "Marche...de Cornouaille"(Bret.) ca. 1:30


Meine Damen und Herren, Sie wissen für heute genug, - ich wollte Ihnen jetzt nur noch etwas zu üben geben:
eine Suite bulgarischer Tänze in verschiedensten Taktarten. Zählen Sie, zählen Sie nur, - soll Ihnen doch der Tanzteufel helfen!

19) Suite bulgarischer Tänze 3:30


Das bulgarische Ensemble "Rhodopen".
Ich weiß natürlich, dass nach einer so kleinen Vorübung kaum möglich ist, diese Tanztypen rechnerisch dingfest zu machen. Es genügt, uns zu sensibilisieren für dieses additive Prinzip, und bedenken Sie nur: in der türkischen Kunstmusik gibt es nicht nur Fünfer-, Siebener-, Dreizehner-, Achtzehner-Folgen, nein alle nur denkbaren Reihungen bis zu 120 Zählzeiten.
Sie werden sich fragen, wie so etwas planbar ist und ob jemand das wirklich überschauen kann.
Natürlich, die Musiker schon.
Wir allerdings kaum, denn wir sind auf eine ganz andere Art der Formerfassung ausgerichtet, die sich - sagen wir - seit Rousseau an die zur Natur verklärten rational vereinfachten Maße hielt, symmetrische Muster, Takte und Takt-Gruppen, die wiederkehren und immer wieder anders unterteilt werden.
Andererseits hat es auch immer diese Tendenzen zur Entgrenzung gegeben, die aus der realen Praxis kommen und die in fremden Musikstilen immer ihren Platz hatten, - und sei es, bevor der Rhythmus einsetzte.


20) 5088 248 Tr. 3 aus: Confitemini Domino (Milano um 1600) 4:35
21) Georgien Tr. 18 "Kakhuri Mravalzhamieri" 4:27


Was haben Sie gehört: zunächst eine Musik, wie sie vor 1600 im Mailänder Dom erklungen sein mag. Und es wundert uns nicht, dass es beim Trienter Konzil nicht etwa um den imposanten Bau musikalischer Formen ging, sondern um Respekt vor dem liturgischen Text. Wort für Wort. Die Ausblühungen durften nicht überhand nehmen. Le Poème Harmonique sang und spielte unter Vincent Dumestre.
Und danach sang der Rustavi-Chor aus Georgien ein Lied, das eine ähnliche Fabulierkunst im Melodischen verfolgt: beim Gastmahl zu singen.
Es mag improvisiert klingen, aber es wird wie eine Komposition gepflegt, mehrere Steigerungswellen über einem ruhigen Bass. Hatte es ein Ziel? War es vollendet? Es hat einfach aufgehört, ohne zwingende Notwendigkeit. Aber es musste auch nicht weitergehen, das Prinzip war eingelöst.
Wie steht es nun bei einem großen Werk um die Vision des Ganzen?
Z.B. am Anfang einer Bruckner-Sinfonie, die ja ganz andere Ausmaße anpeilt? Ab wann spürt man, wie groß sie angelegt ist; wie sehr man selber mitwachsen muss?
Sie hören ein Thema, eine Fortspinnung, ein weiteres Thema, mächtige Motve, Blöcke von Musik, Quader, die aufeinandergetürmt werden...


22) Bruckner 8. Sinfonie CD 1 Tr. 1 ab Anfang bis 1: 57 1:57


Wäre uns ein solches Fragment überliefert...Nur ein solcher Monolith.
Würde es schon genug sein, um zu wissen, was Anton Bruckner wollte?
Eine Säule, ein Glasfenster... eine Farb-Vision... aber dann gibt es weitere Blöcke, vielleicht auch Durststrecken...an bloßen Wänden vorbei... Modulationen... Sequenzen... 16 Takte und nochmal 16 Takte...


23) Bruckner 8. Sinfonie CD 1 Tr. 1 ab 1:58 bis 2:51 0:53


Ist das pure Addition? (Natürlich nicht, - hoffen wir...) Wird so eine Kathedrale aus Musik errichtet?


24) Bruckner 8. Sinfonie CD 1 Tr. 1 ab 2:51 bis 4:52 2:00


Ein toter Punkt? Mitnichten...Ein tiefes Atemholen, das Anfangsthema erscheint in neuem Licht.

25) Bruckner 8. Sinfonie CD 1 Tr. 1 ab 4:52 bis 6:19 1:27


Und wer die CD bis hierher aufmerksam gehört hat, wird vermutlich nicht mehr aufhören können. Für heute muss es bei dieser Anregung bleiben: Bruckners Achte, wenn Sie mal 80 Minuten Zeit haben...
Eine genauere Analyse der Sinfonik Bruckners würde zeigen, dass die Analogie zum Bau der Kathedrale völlig abwegig ist.
Der Stillstand an gewissen Punkten lässt vielleicht für Augenblicke an Konstruktionsverlegenheiten denken.
Aber Ernst Kurth schrieb ganz richtig: "Bruckners 'tote Punkte' gehören zu den lebensvollsten Gewaltereignissen, welche die Musik überhaupt kennt."
In seinem großen Bruckner-Buch gebraucht er ganz andere Metaphern für den Bau der Musik: der wichtigste Begriff ist "Welle", ein Hauptkapitel ist überschrieben "Die symphonische Welle"; und es geht darin um Wellen- und Liniendynamik, um Hauptwellen und nachbebende Wellenstöße, um die Anlage in Wellenreihen, um Stärkeschattierung und Wellensteigerung, um Kraftnachflutungen und "überschlagende Wellen innerhalb von Höhepunkten".
Wir begreifen schnell, dass da mit Metaphern von Steinen und Blöcken nicht viel auszurichten ist.
Lassen Sie uns aber zur realen Kathedrale zurückkehren! Da hat man offensichtlich anders geplant als ein Komponist des späten 19. Jahrhunderts.
Waren es also wohl große Rechenmeister, diese Planer und Erbauer?
Denken wir an die Kathedrale von Beauvais: der mächtige Chorraum wurde 1272 vollendet, zwölf Jahre später stürzte er ein, das dreischiffige Querhaus wurde erst zwischen 1500 und 1550 errichtet, blieb unvollendet; aber 1573 geschah es, dass der 153 Meter hohe Vierungsturm des Gebäudes einstürzte.
Nun war aber der Einsturz einer Kathedrale durchaus kein alltägliches Ereignis, und die meisten überdauerten ja als technische Wunderwerke.
Lesen Sie nur das großartig bebilderte Buch "Was ist Gotik?" von Günther Binding. Staunenswerte Details der Baukunst!
Aber da erfährt man auch, dass "die Bauausführung bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts weitgehend ohne vorher zeichnerisch festgelegte Projektierung" verlief.
"Eine allgemeine Vorstellung von Bautyp und Dimension im Geist des Baumeisters (in mente conceptum) diente als Grundlage für die sukzessive Bau-Erstellung. Die architektonische Idee nahm erst in der empirischen Auseinandersetzung mit dem Material im emporwachsenden Bau selbst ihre endgültige Form an." (Binding S. 71)
"Den mittelalterlichen Prüfungsordnungen der Universitäten ist zu entnehmen, dass rechnerisches Wissen nicht verlangt wurde."
1548 "gibt der Nürnberger Arzt und Mathematiker Walter Ryff (Rivius) dem Rechnen nur unterstützende Funktion für die Geometrie und für die Berechnung von Materialien und Löhnen. Ryffs Forderung, 'das fur allen dingen dem künstlichen Architecto von nöten sey, das er des schreibens und lesens [kundig sei und...] guten verstandt und wissen hab', ist wohlberechtigt, denn Architekten und Baumeister konnten häufig nicht schreiben." (Binding S.89)
Stattdessen verlässt man sich auf die Geometrie und die Praxis.
"Qui habitat in adjutorio altissimi in protectione Dei caeli commorabitur." (Psalm 91) "Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe."
Josquin Desprez' 24stimmige Motette mag um 1500 entstanden sein, - höchste Kanonkunst: vier Kanons sind ineinander verwoben.
Paul van Nevel, der das Huelgas Ensemble leitet, sagt, dadurch würden gleichzeitig vier verschiedene 'Räume' geschaffen; "am Ende entsteht durch den stets wiederkehrenden Ostinato-Bass ein Effekt von Glockengeläut.
Das Werk enthält so viele gleichzeitige 'Erfahrungen', dass bei jedem Anhören andere frei Dissonanzen und neue rhythmische Konfrontationen zwischen den vierundzwanzig Stimmen auffallen."
Das Werk sei wie eine gotische Kathedrale gebaut, in der das einfallende Morgenlicht immer mehr Details sichtbar macht.
Meine Damen und Herren, verübeln Sie es mir bitte nicht, wenn ich Sie - nach den 5 Minuten dieses wundersam verschlungenen Meisterwerkes - unter das Blätterdach des Waldes versetze, aber nicht des Eichendorffschen, "aufgebaut so hoch da droben", auch nicht in des von Emanuel Geibel besungenen:

"Da ist der Wald so kirchenstill
Kein Lüftchen mag sich regen
Noch sind nicht die Lerchen wach
Nur im hohen Gras der Bach
Singt leise den Morgensegen."

Nein, alle Stimmen sind hellwach, und dies in tiefster Nacht.
Ich hoffe, auch Sie bleiben wach, das kanonartige Glockenläuten soll Sie keinesfalls in den Schlaf wiegen. "
Qui habitat in adjutorio altissimi"! "Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt..."
Aber alles weitere gilt auch, wenn Sie gerade in Ihrem Auto sitzen!


26) 5020 031 Utopia Triumphans Tr. 3 Josquin "Qui habitat" 5:48

27) Bayaka-Pygmäen
a) Tr. 1 ab etwa 1:10 bis 3:10 2:00
b) Tr. 3 ab ca. 3:30 bis 5:52 2:22


Meine Damen und Herren, nach der 24stimmigen Josquin-Motette aus der CD "Utopia Triumphans" sind wir - in den Musikpassagen ist ja vieles möglich - abgedriftet in die Utopie eines menschengerechten Urwaldes, in die Heimat der Bayaka-Pygmäen.
Lassen Sie mich aber zum Schluss - durch eine ganz andere Klammer - eben noch mal das Abendland retten. Mit Halleluja, Glanz und Gloria.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit, vielleicht wollen Sie sich weiter mit den Themen dieser Musikpassagen befassen:
eine Bücher- und Musikliste können Sie bereits auf einer Home-Page studieren,
das Manuskript der Sendung ebenfalls ab heute abend,
unser Hörer-Telefon weiß dazu alles und registriert sogar Lob und Kritik: 0800 5678 333.


Für Beratung danke ich Helga Heyder-Späth in Köln und Maximilian Hendler in Graz.
Dank auch an die Technik, die in den Händen von Alexander Hardt/Timo Becker lag.
Am Mikrofon verabschiedet sich Jan Reichow, und - wie gesagt - Ihnen bleibt noch ein Halleluja, viel Glanz und Gloria, und - das vergaß ich zu sagen - abschließend ein nicht endenwollender heidnischer Trommelpuls, 7zählig, ungetauft, aber mit allen Wassern gewaschen...


28) Gabrieli Tr. 29 ab 3:07 bis 4:31 1:24
29) Bruckner: CD2 Tr. 2 Anfang bis ca. 1:09
30) Iran: Duo de zarbs à 7 temps (12:08)


Jan Reichow © 2005





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